Paul-Albert Wagemann - Schriftsteller und Radiojournalist  
           
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Rauslassen, Rad ab, Ver-Einigung & andere Satiren

       
 

Satiren und Glossen

 

Gauke Verlag 1991

 

(Vergriffen. Restexemplare beim Autor)

 

 
  Textauszug

Kauflust

Die Kauflust steigt oder fällt, fehlt aber nie. Ohne die Kauflust wäre unsere Gesellschaft schon lange zusammengebrochen. Ohne Kauflust läuft nichts, dreht sich nichts, geht nichts. Wer sie nicht spürt, dem fehlt etwas. Wem etwas fehlt, der kauft sich was.

  Kauflust überfällt einen oder holt einen ein, gleich, ob man geht, liegt oder steht. Man kann sie in allen Lagen befriedigen, zu jeder Zeit, an jedem Ort, solange man kreditwürdig ist. Die Kauflust bleibt einem treu, gewöhnlich bis ans Lebensende und wird durch den Akt der Beerdigung an die Hinterbliebenen weitergegeben.

  Die Kauflust steigt vor den Festtagen, steigert sich bis zum Kaufrausch und wird nur von der Kleptomanie übertroffen. Vor den Festen erlebt das Volk, das sich dem Kaufen hingibt, seinen Kauforgasmus und verfällt kurzfristig in ein Kaufkoma, das in ein feiertägliches, zwangsweises Kauffasten übergeht. Nach den Festen verspüren viele Menschen einen Kaufkater und eine starke Umtauschlust, die nach kurzer Zeit verschwindet und der gewöhnlichen Kauflust Platz macht. Glücklicherweise sind an Feiertagen kleine Kauflustüberdruckventile wie Kioske und Tankstellenboutiquen geöffnet.                                            

  Kauflust läßt die Kurse an den Börsen steigen oder fallen, sie entscheidet über Einstellung oder Entlassung, sie ist Herr über Geburt und Tod. Kauflust ist das Gesetz, nach dem sich alles von selbst regelt. Sie ist verfassungsgemäß, ohne je amtlich festgestellt worden zu sein. Kauflust ist meßbar, zählbar, wählbar. Sie ist auch logisch, sogar physiologisch. Das Hormon, das sie beim homo consumens weckt, ist nur noch nicht entdeckt. Kauflust ist manipulierbar wie der Orgasmus, doch sie sitzt nicht zwischen den Beinen, obwohl sie es nicht weniger in sich hat. Sie ist geschlechtsneutral, doch nicht von schlechten Eltern. Sie hat auch Geschwister: den dicken Bruder Freßlust und die knochige Schwester Geiz, die Lust an der Verstopfung.                              

  Wer genau hinsieht, vermag die Kauflust überall zu entdecken. Sie ist allgegenwärtig wie Wasser, Luft und Licht, jedoch von anderem Nährwert. Die Kauflust hat lange Beine, einen noch längeren Hals, eine hechelnde Zunge, Augen, in denen sich die Pupillen bis zur äußersten Grenze weiten können, wenn eine wohlfeile Ware ins Blickfeld gerät. Sie hat ein kurzes Gedächtnis und am Monatsende meist Geldbörsenprostata.                                   

  Die Kauflust ist eine schnell erkaltende Geliebte, dazu höchst promiskuös und ebenso ansteckend. Sie macht süchtig und ist fast völlig therapieresistent. Die mit ihr Behafteten bemerken ihre Abhängigkeit erst im Endstadium, wenn sie ihr rettungslos verfallen sind. Nicht von ihr Befallene sind unbedeutende Minderheiten, Randexistenzen am Fuße der Konsumberge.

 

 

 

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